Die Handykiste – einen digitalen Entzug machen

Weg mit den HandyMit der Klasse 6a im Landheim. Mit einem angespitzten pädagogischen Konzept sind meine Kollegin und ich gut vorbereitet, um im Landheim angestauten Erziehungsdefiziten den Kampf anzusagen. Ein wesentlicher Baustein ist die „Handykiste“. Die Kinder sollen eine Woche nur begrenzt Zugriff auf das suchtgefährdende Gerät erhalten und zwar in einer festgelegten Zeit. Eine hübsche Idee, denke ich. Eine Woche ohne Handy, den Kopf völlig leer machen, digitale Abstinenz kennenlernen. Die Handynutzung wird auf 2 Stunden beschränkt, den Rest des Tages rekeln sie sich in der Handykiste.

Tag 1 verläuft wie geplant. Schon vor der ausgemachten Zeit stehen die Schüler Schlange zur Handyausgabe. Ein Schüler fehlt, bemerkt meine Kollegin. Der Vollständigkeit halber wird er geholt. Sein Kontaktbedürfnis ist offenkundig, es nicht vorhanden. Dem Kind ohne Suchtgefährdung wird trotz allem sein Gerät ausgehändigt. Das wäre ja noch schöner. Nun geht´s los: Mutti anrufen, Vati anrufen, sich untereinander anrufen. Ganz normal, denke ich. Es scheint alles in Ordnung. Die Abgabe verläuft geräuschlos. Entzugserscheinungen sind nicht zu beobachten.

Tag 2.  Der Gedanke mal rauszugehen, ist weit weg. Kinder der Großstadt. Ich beobachte die leere Spielwiese vor dem Haus, um dem Toben im Haus zu entkommen. Die Schlange der Handyausgabe hat sich halbiert. Ok, sage ich mir, gestern wurde alles geklärt, heute gibt es wahrscheinlich nichts zu erzählen. Ein freiwilliger Verzicht auf den Suchtauslöser, sehr lobenswert. Punkt 17.15 Uhr bemerke ich, wie die Handykiste anfängt, sich in Richtung Tischkante zu bewegen. Ich mache den Deckel auf und sehe, wie 5 – 6 Geräte versuchen durch Vibration auf sich aufmerksam zu machen. Serviceorientiert ergreife ich die Kiste und laufe los. Nachdem ich alle gefunden habe, bin ich schweißgebadet. Die Maßnahme die darauf folgt, ist nur konsequent. Alle Kinder schalten ihr Handy aus.

Tag 3. Bei der Handyausgabe lungern zwei Schüler herum. Die kleinen Nerds erhalten ihr Gerät und verschwinden damit in Richtung Aufenthaltsraum. Argwöhnisch beobachte ich die Kiste mit dem weggesperrten Suchtmittel. Meine Handy zeigt 17.15 Uhr, alles ruhig. 17.20 Uhr, Kiste ruhig, ich nicht. 17.25 Uhr geht´s los. Der Mobilfunkknochen meiner Kollegin fängt an zu bellen. Ihr SMS-Postfach läuft voll, Whats App überschlägt sich, es klingelt: Die Kinder sind nicht erreichbar.  Sofort purzzelt ein Gedanke in meinen neuronalen Arbeitsspeicher: Eine Suchtgefährtung der anderen Art. Wir haben noch viel zu tun. Kindergebrüll im Keller macht mich auf ein andere Erziehungsbaustelle aufmerksam…

Hier noch meine Einschätzung zur Handykiste: Als Präventionsmaßnahme für alle Beteiligten einfach nur top. Und vor allem bin ich froh, dass mir die digitale Nabelschnurverlängerung erspart geblieben ist.

 

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